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Albanien - Unbekanntes Land der Adler

Länderabend

Albanien - Unbekanntes Land der Adler

(24.02.2016) Für viele Menschen in Deutschland gilt Albanien als unbeschriebenes Blatt. Der aus der Stadt Durrës stammende studierte Europawissenschaftler Bledar Milaqi leistete dem bei seinem eindrucksvollen Länderabend Abhilfe und zeigte durch seinen Vortrag ein ausgewogenes Bild seines Heimatlandes. Unterstützt wurde er dabei von seinem Freund Stefan Schark, der während des Vortrages Passagen aus dem Werk albanischer Literaten vorlas.

Jahrzehntelange Repression unter dem Kommunismus

Zuerst präsentierte Bledar die wichtigsten Fakten zu seinem Heimatland. Die Hauptstadt des Landes heißt Tirana und die LandesspracheShqipja, wobei diese zur indoeuropäischen Sprachenfamilie gehört. In religiöser Hinsicht ist Albanien ein außergewöhnlich vielfältiges Land. Die größte Religionsgruppe sind sunnitische Muslime. Des weiteren gibt es auch viele islamisch-mystische Sufi-Orden, die nach ihrer Vertreibung aus der Türkei durch Kemal Atatürk ihren Sitz nach Albanien verlegten. Darüber hinaus hat auch das Christentum eine lange Tradition in Albanien. Die am stärksten verbreiteten christlichen Konfessionen sind die römisch-katholische und die albanisch-orthodoxe Kirche. Das Wappentier des Balkanlandes ist der Steinadler, weswegen Albanien oftmals auch als das Land der Adler bezeichnet wird. Ein charakteristisches Merkmal sind ebenfalls die zahlreichen Berge, die auf die Albaner einen prägenden kulturellen und sozialen Einfluss hatten. Bledar zeigte hierzu einen eindrucksvollen Film, der die Schönheit der albanischen Gebirgswelt einfing.

Hiernach ging Bledar auf die leidvolle Erfahrung der Albaner mit der langen Periode der kommunistischen Diktatur ein. Noch während des zweiten Weltkrieges wurde von kommunistischen Partisanen die Volksrepublik Albanien ausgerufen. Sie entwickelte sich rasch zu einem totalitären Einparteienregime, das vom KP-Chef Enver Hoxha mit eiserner Hand regiert wurde. Hierbei präsentierte Bledar Filmaufnahmen aus der Zeit der Volksrepublik, die sehr gut den politischen Charakter des Regimes verdeutlichten.

Beziehungen zu Jugoslawien, Russland, China – schließlich Isolation

Der Kommunismus in Albanien durchlief mehrere unterschiedliche Episoden. Von 1944 bis 1948 unterhielt Albanien zur Volksrepublik Jugoslawien enge Beziehungen. Nachdem der jugoslawische Staatschef Josip Brosz Tito mit dem Kommunismus sowjetischer Prägung brach, suchten die albanischen Kommunisten die Anlehnung an die Sowjetunion. Albanien wurde Mitglied des von den Sowjets kontrollierten Militärbündnisses Warschauer Pakt und erhielt Transferleistungen von der Wirtschaftsgemeinschaft RWG. Mit dem Prozess der Entstalinisierung in der Sowjetunion Anfang der 1960er wechselte Albanien wiederum seine außen- und innenpolitische Orientierung. Nun galt China unter Mao Zedong als das ausschlaggebende ideologische Vorbild. Nach der Einführung marktwirtschaftlicher Reformen in China wurde auch der chinesische Kommunismus von Enver Hoxha als nicht mehr „glaubwürdig“ angesehen. Die Volksrepublik Albanien entschied sich letztendlich ab 1977 zu einem eigenständigen Weg zum Kommunismus, der in eine totale politische und gesellschaftliche Selbstisolation des Landes mündete. Ein Ausdruck für die Abschottung war der vom Regime initiierte Bunkerbau, der Schutz vor dem vermeintlich feindlich gesinnten Ausland bieten sollte.

Der Kommunismus war für die meisten Albaner eine Zeit des Leidens, wie Bledar herausstellte. So gab es unter der kommunistischen Diktatur massive Hinrichtungen und ebenso viele Menschen wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet. In den 1960er Jahren erklärte Enver Hoxha Albanien zum einzigen atheistischen Staat der Welt. Infolgedessen ließ das Regime viele Kirchen und Moscheen zerstören. Darüber hinaus existierte für jeden Einwohner des Landes eine Kleidungsordnung, die das Tragen von Sonnenbrillen, Jeans und langen Haaren bis in die 1980er Jahre hinein verbot.

Stefan Schark las passend zu diesem Thema den Bericht eines Literaten, den das Regime  als politischen Gefangenen festhielt, vor. In dem Bericht schilderte der Literat, dass ihm das kommunistische Albanien wie ein einziges Gefängnis vorkam, in dem jeder Ansatz freien Denkens unterdrückt wurde.

Zeit der Transformation und mühsamer Weg nach Europa

Ende der 1980er Jahre entwickelte sich gegen die Diktatur verstärkt Widerstand. Oppositionelle Studenten protestierten gegen die politische Unterdrückung und die schlechten sozialen Bedingungen. Den Protesten schlossen sich später auch Bergarbeiter an. Bledar zeigte hierzu einen Film, der die Zerstörung einer Statue Enver Hoxhas in Tirana zeigte. 1991 wurde schließlich ein Mehrparteiensystem eingeführt und die ersten freien Wahlen abgehalten. Zeitgleich zum Prozess der Demokratisierung verließen enorm viele Albaner auf Grund der nach wie vor existierenden sozialen Schieflagen das Land und migrierten vor allem ins benachbarte Italien. Stefan Schark präsentierte hierzu ein literarisches Exzerpt, das die Stimmung nach dem Ende des Kommunismus einfing und darstellte, mit welcher Begeisterung die Albaner bisher verbotene westliche Konsumgüter wie Coca-Cola ausprobierten.

Der Prozess der Transformation dauert trotz einiger Fortschritte, wie etwa dem 2009 erfolgten NATO-Beitritt, immer noch an. Nach wie vor steht Albanien vor großen Herausforderungen. So müssen etwa noch weitere Prozesse zur Liberalisierung der Wirtschaft und zur Sicherung des Rechtsstaates in Gang gesetzt werden. Zudem existieren eine starke politische Polarisierung und eine schwache Zivilgesellschaft. Diese Faktoren lähmen die Etablierung einer demokratischen Kultur. Albanien hat ebenfalls unter einem hohen sogenannten Brain Drain zu leiden, bei dem viele gut ausgebildete Fachkräfte ins Ausland abwandern. Weitere Probleme sind die nach wie vorhandenen politischen Klientelstrukturen und die bisher noch nicht effektiv eingedämmte Korruption. Zu den Potenzialen des Landes gehört eine gut ausgebildete Jugend, die oft mehrsprachig ist.

Die Annäherung Albaniens an die EU vollzieht sich in langsamen Schritten. 2009 trat ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen in Kraft. Im Jahr 2010 konnte von der albanischen Regierung mit der EU ein Abkommen zur Visaliberalisierung abgeschlossen werden. Dieses ermöglicht es albanischen Bürgern, sich 3 Monate in der EU aufzuhalten. 2014 erhielt Albanien schließlich den Status eines Beitrittskandidaten. Für einen Beitritt zur EU verlangt die Kommission einen verstärkten Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität sowie eine verbesserte Förderung von Menschenrechten und Medienfreiheit.

Kulturland Albanien

Trotz der vorhandenen Probleme hat Albanien viele Reize zu bieten. Das Land ist bekannt für seine große Gastfreundschaft. So existiert das Sprichwort, dass die Albaner sich gegenüber ihren Gästen verpflichtet fühlen, für „Brot, Salz und gutes Herz“ zu sorgen. Stefan Schark las hierzu aus einem Reisebericht aus dem frühen 20. Jahrhundert vor, in dem die ausgesprochene Großzügigkeit armer Bergbauern hervorgehoben wurde. Die Bergwelt Albaniens bietet Individualtouristen Möglichkeiten für interessante Wandertouren. Zudem bietet das südosteuropäische Land eine spannende mediterrane Küche.

Kulturliebhaber können zudem viele historische Bauwerke besichtigen. So verfügt etwa die Hafenstadt Durrës  über viele Zeugnisse aus römischer Zeit. Die Stadt Berati, die auch „Stadt der tausend Fenster“ genannt wird, ist von vielen Gebäuden aus der osmanischen Periode geprägt, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Die Stadt Skhodra im Norden Albaniens gilt als wichtiges kulturelles Zentrum.

Zum Abschluss des facettenreichen Länderabends hatte Bledar für eine musikalische Einlage gesorgt. Ein albanischer Musiker präsentierte ein Instrumentalstück auf der gitarrenähnlichen Ciftelia. Gebannt lauschte das Publikum seinen virtuosen Fähigkeiten. Nach dem Vortrag hatten viele den Wunsch, das „Land der Adler“ einmal zu besuchen.

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Text von: Jan Meiser
Foto/Bild von: Markus Thürmann
Veröffentlicht am: 24.02.2016