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JEF Ruhrgebiet

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Hier findest du die gesamten News der JEF Bochum/Dortmund. Von der Gründung als JEF Ruhrgebiet bis heute sind hier alle Berichte zu unseren Veranstaltungen, Projekten und Events zusammenfasst: Länderabende, Podiumsdiskussionen, Straßenaktionen, Planspiele und vieles mehr. Kurz: hier findest du alle News mit und von der JEF Bochum/Dortmund.

Eine Reise nach Bosnien und Herzegowina

Länderabend

Eine Reise nach Bosnien und Herzegowina

(24.03.2016) Am 15.2.2016 hat auch Bosnien-Herzegowina, das in letzter Zeit oftmals als das „Sorgenkind“ des westlichen Balkans betrachtet wurde, seinen EU-Beitrittsantrag bei der Kommission eingereicht. Grund genug, sich dieses faszinierende und gelegentlich verwirrende Land einmal näher bei einem Länderabend anzusehen.

Hauptelemente der bosnischen Kultur

Den ersten Teil übernahm der studierte Slawist Stefan Schaak. Er lebte längere Zeit in Sarajevo und ist mit dem Land eng verbunden. Zum Einstieg präsentierte er ein literarisches Exzerpt der deutschen Schriftstellerin Juli Zeh, in dem diese über ihre Bosnien-Reise berichtete. Im Exzerpt wurde eine Szene im Reisebüro thematisiert, in der die Autorin erstaunt von der Reisekauffrau angeschaut wurde, als sie den Wunsch äußerte, nach Bosnien und Herzegowina zu reisen. Zudem gab es ein kurzes Kennenlernspiel, bei dem sich die Teilnehmer des Länderabends auf Bosnisch vorstellen konnten.

Hiernach ging Stefan Schaak auf die wesentlichen politisch-gesellschaftlichen und kulturellen Merkmale des Balkanstaates ein. Bosnien-Herzegowina zeichnet sich vor allem durch seine enorme religiöse und ethnische Vielfalt aus. Die drei Hauptethnien sind die sunnitisch-muslimischen Bosniaken, die christlich-orthodoxen bosnischen Serben sowie die römisch-katholischen bosnischen Kroaten. Neben der von den muslimischen Bosniaken und den bosnischen Kroaten verwendeten lateinischen Schrift existiert die kyrillische Schriftsprache für die bosnischen Serben. Das Land war Bestandteil zweier großer Imperien der Weltgeschichte; nämlich des Osmanischen Reiches und ab 1878 des Habsburgerreiches bzw. der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie.

Oftmals wird vergessen, dass das Land eine bis heute andauernde starke katholische Tradition hat. Insbesondere der Franziskanerorden übte einen prägenden Einfluss aus, der bis in die gegenwärtige Zeit zu spüren ist. Als Beispiel hierfür zeigte Stefan Schaak in seiner Powerpointpräsentation einen Geldschein mit dem Bildnis des Franziskanermönches Ivan Frano Jukic. In seinen Schriften stellte Jukic Bosnien-Herzegowina als eine kulturell und politisch eigenständige Einheit dar. Die Frage, welcher Volksgruppe Bosnien-Herzegowina letztendlich gehört, sorgt auch nach der Beendigung des Krieges der 1990er Kriege bis heute für hitzige politische Debatten.

Als Währung verwendet das Land die sogenannte konvertible deutsche Mark, die nach dem Ende des Bosnienkrieges im Jahr 1995 eingeführt wurde. Dieser Schritt wurde als symbolisches Geschenk der westlichen Staatengemeinschaft betrachtet, da eine neue bosnische Währung vermutlich einen äußerst geringen Wert gehabt hätte.

Das Territorium Bosnien-Herzegowinas hat die Form eines Keils. Dieser „bosnische Keil“ findet sich auch in der  Nationalflagge des Landes wieder, die der Hohe Repräsentant der UN im Jahr 1998 installieren ließ. Die Farben der Nationalflagge orientieren sich dabei bewusst an denen der Europäischen Union. Auf diese Weise sollte die Hoffnung einer möglichst baldigen Heranführung Bosnien an den Prozess der Europäischen Integration zum Ausdruck gebracht werden. Von den Bürgern Bosniens und Herzegowinas wurde die neue Nationalflagge anfänglich nicht sehr gemocht. Mittlerweile hat sich dies jedoch, auch auf Grund der Erfolge der bosnischen Fußballnationalmannschaft, ein wenig verändert.

Seinen Namen erhielt Bosnien vom Fluss Bosna, der beim 1502 m hohen Berg Igman entspringt. Stefan Schaak zeigte in diesem Zusammenhang faszinierende Bilder der glasklaren Bosna.

Er ging in seinem ersten Vortragsteil auch auf die beiden Kult-Comedyfiguren Mujo und Hajo ein. Diese spiegeln mit ihren zahlreichen Witzen den ländlichen und etwas archaischen Nationalcharakter Bosniens wieder.

Metropole Sarajevo-Jerusalem des Ostens

Die Hauptstadt Sarajevo liegt in der Nähe des Berges Igman. Von dort aus hat man einen sehr guten Blick auf das Stadtzentrum. In der langen Geschichte Sarajevo dienten die Berge oftmals als natürlicher Schutz der Stadt. Während des Krieges der 1990er wurden sie der bosnischen Metropole jedoch zum Verhängnis. Von den Bergen aus nahmen Scharfschützen und Artilleriestellungen der Armee der bosnischen Serben die Stadt unter Feuer.

Die multireligiöse und multiethnische Vielfalt Bosniens spiegelt sich besonders in der Hauptstadt des Landes wieder. In Sarajevo existiert außerdem bis heute eine Gemeinde sephardischer Juden, die sich im 16. Jahrhundert dort ansiedelten, nach dem sie zuvor aus Spanien vertrieben wurden. Auf Grund ihrer Diversität erhielt die Hauptstadt erhielt einst den Titel „Europäisches Jerusalem“. Stefan Schaak stellte heraus, dass sich Sarajevo zurzeit bemüht, nach den Verheerungen des Bosnienkrieges, wieder an diese besondere historische Tradition anzuknüpfen.

Kennzeichnend für die bosnische Metropole ist ihre Selbstreflexion. So kann man davon sprechen, dass sich die verschiedenen Kulturen der Stadt gegenseitig zu ihrer eigenen Konstituierung benötigen. Dies bedeutet, dass man seine eigene Kultur nur dann verstehen kann, wenn man auch die andere versteht.

Die Altstadt Sarajevos befindet sich in der Stadtmitte. Sie dient als Treff- und Kommunikationspunkt der Einwohner, allerdings nicht als Wohnort. Die bevorzugten Wohnorte sind die Außenbezirke der Stadt, die sogenannten Mahalas. Sie sind kulturelle Mikrokosmen der jeweiligen Ethnien und Religionen. Der Unterschied zwischen Stadtmitte und Mahalas zeigt laut Stefan Schaak ein Charakteristikum Sarajevos. So sei das Innere das Offene, während das Äußere das Geschlossene sei. Dieser Wesenszug der Stadt offenbare sich auch in der Esskultur. Grillgerichte wie Cevapcici würden nämlich häufig in der Stadtmitte zubereitet werden, wohingegen Speisen wie Teigtaschen eher in den Mahalas konsumiert würden.

Hilfsprojekt Dubica-Brücke

Den zweiten Teil übernahmen die aus Bosnien-Herzegowina stammende Friedens- und Konfliktforscherin Mevlinda Macanovic und die evangelische Pfarrerin Doris Straßburger. Sie gründeten 1999 den Verein „Dubica-Brücke“. Anlass für das Dubica-Projekt war der Wunsch, nach dem Ende des Bosnienkrieges die Zivilbevölkerung zusammen zu bringen und die Kluft zwischen Regierenden und Bürgern zu verringern.

Der Verein unterstützt Jugendliche in der an der Grenze zu Kroatien gelegenen Stadt Dubica mit verschiedenen Projekten. So wurde beispielsweise ein Jugendhaus errichtet und ein Austausch zwischen bosnischen und deutschen Jugendlichen initiiert. Zudem versucht der Verein das politische Engagement von Jugendlichen zu fördern und hierdurch Wege zu einer aktiven politischen Partizipation aufzuzeigen. Nach Ansicht von Frau Macanovic lässt sich heute bei den Jugendlichen in Dubica ein größeres politisches Selbstbewusstsein beobachten.

Frau Macanovic berichtete in ihrem Vortragsteil auch über die politische Situation nach dem Bosnienkrieg. Nach dem Friedensabkommen von Dayton ist der Bundesstaat Bosnien und Herzegowina in seiner heutigen Form geschaffen worden. Er setzt sich aus der Bosnisch-Kroatischen Föderation und der Republik Srpska zusammen. Frau Macanovic verdeutlichte anhand zweier Karten, dass sich in Folge des Krieges die Siedlungsgebiete der verschiedenen Ethnien dramatisch verändert haben. Vor dem Ausbruch des Krieges überlappten sich die Siedlungsräume von Serben, Kroaten und bosnischen Muslimen sehr stark. Auf Grund der im Krieg begangenen ethnischen Säuberungen herrschen nun weitgehend geschlossene ethnische Siedlungsgebiete vor. Nach wie vor ist es laut Frau Macanovic nicht leicht, ein konstruktives Verhältnis zwischen den Ethnien des Landes herzustellen.

Gedicht Emina

Zum Abschluss des Länderabends präsentierte Stefan Schaak das Liebesgedicht „Emina“ von Aleksa Santic, das in der pittoresken Stadt Mostar spielt. Er stellte den Gästen auch die musikalische Version des Gedichts vor. Diese wurde vom bekannten bosnischen Volkssänger Himzo Polovina gesungen.

Stefan Schaak schloss den Abend mit dem politischen Appell, schnellst möglichst für einen EU-Beitritt der Staaten des westlichen Balkans zu sorgen. Seiner Meinung nach gebe es keine stichhaltigen Argumente dafür, diese Staaten allzu lange warten zu lassen. 

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Text von: Jan Meiser
Foto/Bild von: Jan Hildebrand
Veröffentlicht am: 24.03.2016