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JEF Ruhrgebiet

News

Hier findest du die gesamten News der JEF Bochum/Dortmund. Von der Gründung als JEF Ruhrgebiet bis heute sind hier alle Berichte zu unseren Veranstaltungen, Projekten und Events zusammenfasst: Länderabende, Podiumsdiskussionen, Straßenaktionen, Planspiele und vieles mehr. Kurz: hier findest du alle News mit und von der JEF Bochum/Dortmund.

Essen will das schaffen

Podiumsdiskussion

Essen will das schaffen

(10.05.2016) Unter dem Titel „Flüchtlinge in Europa, Deutschland und Essen: Schaffen wir das wirklich?“ haben wir am 2. Mai in Zusammenarbeit mit dem EDIC Essen zu einer Podiumsdiskussion in den kleinen Saal der VHS Essen eingeladen. Fünf Expertinnen und Experten gaben ihre Einschätzung zur Flüchtlingssituation in Essen und spannten den Bogen bis zur europäischen Außenpolitik. Der Tenor: „Wir wollen das schaffen.“ Doch über das „Wie“ wird man auch in Essen noch lange streiten.

 Verschiedene Blickwinkel auf die Flüchtlingssituation

Mit fünf Gästen war das Podium an diesem Abend so voll besetzt wie lange nicht, um Essens Umgang mit der Flüchtlingssituation aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln zu diskutieren. Zu Gast waren Andreas Brinck, stellvertretender Vorsitzender des ehrenamtlichen Vereins „Werden hilft“, Dr. Helmuth Schweitzer, Leiter des Kommunalen Integrationszentrums, Rima Al Khashen, die als Sprach- und Integrationsmittlerin arbeitet, Dr. Oliver M. Piecha, Historiker und Publizist zum Nahen Osten sowie Guido Reil, Ratsmitglied der SPD für Essen-Nord. Letzterer hatte im Januar mit einem WAZ-Interview für eine Kontroverse um die Integration von arabischen Migranten im Stadtteil Essen-Karnap gesorgt und mit ungeschönten Äußerungen und einem „Wir schaffen das nicht!“ ein klares Statement abgegeben. Die Essener SPD-Spitze distanzierte sich aufgrund dieses medialen Alleingangs umgehend von Reil und warf ihm unter anderem „fremdenfeindliche Tendenzen” vor. Das Publikum war an diesem Abend also auf einen verbalen Schlagabtausch gespannt, der zwischen Reil und den übrigen Teilnehmer stattfinden konnte.

Willkommenskultur muss in Essen aktiv gefördert werden

Bis dieser aber zu Wort kam, durften Brinck und Schweitzer sich für eine ausgeprägte Willkommens- und Kommunikationskultur in Essen stark machen, die ihrer Ansicht nach durch die Politik aktiv gefördert werden müsse. Kommunikation, insbesondere zwischen Bürgern und Flüchtlingen, solle dazu dienen, Vorurteile abzubauen und der Fremdenfeindlichkeit vorzubeugen, die in Deutschland mittlerweile zu einer ernstzunehmenden Begleiterscheinung der Flüchtlingssituation geworden ist.

„Wir wollen Immigration nach Essen. Wir wollen das schaffen.“

Als Reil dann auf mangelnde Arbeitsplätze für Flüchtlinge im Ruhrgebiet, die Wohnungsnot in Essen verwies – rund 16 000 Wohnungen fehlen im Stadtgebiet –  und von einer „Ghettobildung“ im Stadtteil Karnap sprach, der mit ca. 700 Ankommenden überlastet ist, wurde es auch im Publikum mit einigen Zurufen zeitweilig ein wenig hitzig. „Merkel hat uns nicht gesagt was wir schaffen sollen“, echauffierte sich Reil. Die Kommunen überlastet? Zu wenig Geld von Land und Bund? Keine wirkliche Neuigkeit, die der Ehrenamtler Brinck damit konterte, dass Zuwanderung nach Essen prinzipiell erwünscht sei und die Losung damit heißen müsse: „Wir wollen das schaffen“. Piecha, Schweitzer und Kharshen stimmten dem zu, machten aber klar, dass unsere Medienöffentlichkeit das Thema „Flüchtlinge“ seit den Ereignissen von Köln eher kontraproduktiv verhandelt und dem dies gesellschaftlichen Umgang mit der Ausnahmesituation nicht immer förderlich ist. Man müsse sich bemühen, eine positive Kommunikationskultur zu etablieren. Brinck lieferte konkrete Beispiele aus dem Stadtteil Werden. Der aus der täglichen Praxis sprechende Ehrenamtler machte klar, dass für eine gelingende Integration die Einbeziehung von bereits angekommenen Migrantinnen und Migranten eine zentrale Rolle spiele. Diese könnten beispielsweise als „kulturelle Vorbilder“ in Mentorenprogrammen Neuankömmlingen aus denselben Herkunftsländern den Einstieg in das Leben in Deutschland erleichtern. In Essen-Werden funktioniere dieses Prinzip.

„Europa hat den Nahen Osten abgeschrieben“

Moderator Markus Thürmann versuchte den Blick auf Europa und das Verhältnis zum Nahen Osten zu lenken. Der Historiker Piecha lieferte hierzu unvermissverständliche Antworten und einen außenpolitischen Exkurs. So sei die Lösung des Syrienkonflikts unter Assad nicht mehr möglich. „Assad als Symbol muss weg“, äußerte sich Piecha. Auch Europa stellte er kein gutes Zeugnis aus, wenn es um den Umgang mit der arabischen Welt geht: „Europa hat den Nahen Osten abgeschrieben. Die europäischen Gesellschaften sind nicht bereit mehr außenpolitische Verantwortung zu übernehmen.“ Wenn es nach der Integrations- und Sprachmittlerin Khashen gehen würde, sollte „Europa mehr Druck auf seine Mitgliedsstaaten ausüben, Flüchtlinge aufzunehmen“. Der gesamteuropäische Kurs missfällt auch ihr. Allerdings sind Flucht und Vertreibung kein genuin europäisches Problem, sondern ein globales und hier gilt auch ihr Unverständnis gegenüber Ländern wie Saudi-Arabien, Russland und den USA, die „keinen reinlassen“, so Khashen.

Flüchtlingskrise als Krise von Behörden und Bürokratie

Schweitzer stimmte einer Publikumsfrage zu, dass man die Flüchtlingskrise durchaus als Bürokratiekrise begreifen kann. Und dies betreffe nicht nur Registrierung und Bearbeitung von Asylanträgen. So blieb an diesem Abend dann auch die Diskussion um Zuständigkeiten, Kosten und genaue Flüchtlingszahlen eine eher unbefriedigende: „Keiner kann ihnen in Essen sagen, wie viele Flüchtlinge tatsächlich in der Stadt leben“, stellte Schweitzer fest. Klare Antworten und einschlägige Lösungsansätze zur Integration von Flüchtlingen könne auch die Kommune Essen nicht geben. Reils Lamento galt hier einmal mehr dem Bund und den Ländern, der diese in der Pflicht sieht, allgemein bessere Rahmenbedingungen und speziell andere Zugangsregeln zum Arbeitsmarkt zu schaffen. Er bekräftigte „Arbeit ist der Schlüssel zur Integration“, doch im Ruhrgebiet hätte bereits ein „Kampf um den Niedriglohnsektor“ begonnen.

Deutsche Willkommenskultur historisch vollkommen neu

Ob das Glas halb leer oder doch halb voll ist, war auch an diesem Abend eine Frage des Standpunktes. Die Hoffnungsvollen schienen allerdings in der Mehrheit zu sein. Piecha unterstrich hierzu noch das historische Momentum im bisherigen Umgang der Deutschen mit den Flüchtenden: „Historisch gesehen ist die Offenheit und das Engagement der Bevölkerung vollkommen neu.“ 

Diskussionen mit Publikum auch nach der Veranstaltung fortgesetzt

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion nutzen erstaunlich viele Publikumsgäste die Gelegenheit, das Gespräch mit den Expertinnen und Experten zwischen dem ein oder anderen Buffethappen zu suchen. An diesem Abend wurde noch lange diskutiert und einige Fragen gestellt, die aus Zeitgründen nicht ans Podium gerichtet werden konnten. Bei einem kontroversen und polarisierenden Thema wie der Flüchtlingssituation, konnten wir am Ende des Tages das Fazit ziehen, dass überwiegend sachlich und problemorientiert diskutiert wurde. Dabei galt die Neugier ganz den einzelnen Experten und ihrem persönlichen Blick auf die Ausnahmesituation in Deutschland und Europa. Die Veranstaltung war der Auftakt zu unserer Reihe „Flucht und Migration“, die am 3. Juni unter dem Titel „Heimat Europa“ fortgesetzt wird.

[Auch die WAZ berichtete über die Podiumsdiskussion: „Wir haben viel Herz gezeigt, jetzt ist es Zeit für den Verstand“ URL: http://www.derwesten.de/staedte/essen/wir-haben-viel-herz-gezeigt-jetzt-ist-es-zeit-fuer-den-verstand-aimp-id11796220.html]

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Text von: Sebastian Hetheier
Foto/Bild von: Christoph Spitzer
Veröffentlicht am: 10.05.2016