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JEF Ruhrgebiet

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Hier findest du die gesamten News der JEF Bochum/Dortmund. Von der Gründung als JEF Ruhrgebiet bis heute sind hier alle Berichte zu unseren Veranstaltungen, Projekten und Events zusammenfasst: Länderabende, Podiumsdiskussionen, Straßenaktionen, Planspiele und vieles mehr. Kurz: hier findest du alle News mit und von der JEF Bochum/Dortmund.

Der jüngste Staat Europas

Länderabend

Der jüngste Staat Europas

(06.07.2016) Nach Albanien und Bosnien-Herzegowina stand dieses Mal wieder ein Staat des westlichen Balkans im Mittelpunkt des Länderabends: der Kosovo. Der Referent des Länderabends, Elvedin Golgica, war ein Student der Europawissenschaften, der seine Heimat aufgrund des Krieges in den 1990er Jahren verlassen musste.

Ethnische und religiöse Prägungen

Zu Beginn seines Vortrags zeigte Elvedin auf, dass der Kosovo als ein Vielvölkerstaat anzusehen ist. Den Großteil der Bevölkerung stellen mit 88 Prozent die Kosovo-Albaner, gefolgt von den Serben mit 9 Prozent. Die restliche Bevölkerung setzt sich aus verschiedenen Volksgruppen wie etwa den Balkan-Ägyptern, den Roma und den slawisch-muslimischen Goranen zusammen. Die offiziellen Amtssprachen des Landes sind Albanisch und Serbisch.

Der Kosovo ist derjenige Staat Europas, der über die größte muslimische Bevölkerungsdichte verfügt. So bekennen sich ca. 95,6 Prozent der kosovarischen Staatsbürger zum sunnitischen Islam. Allerdings legen die kosovarischen Muslime ihre Religion sehr säkular aus. So findet man in den Städten des Landes oftmals Gaststätten, die Alkohol ausschenken und trifft nur sehr wenige verschleierte Frauen an. Zudem ist der Kosovo laut der Verfassung ein laizistisch ausgerichteter Staat.

Laut Elvedin kam es in letzter Zeit zu einer vermehrten Einflussnahme saudi-arabischer Stiftungen, die im Kosovo die ultrakonservative wahabitische Auslegung des Islam verbreiten wollen. Diese Bemühungen stoßen aber größtenteils auf den Widerstand der muslimischen Einwohner, da sie im Gegensatz zur Offenheit und toleranten Haltung des Islams im Kosovo stehen.

Die serbische Bevölkerung des Kosovo bekennt sich zur serbisch-orthodoxen Kirche. Zeugnisse des orthodoxen Glaubens sind die orthodoxen Klöster, wie zum Beispiel das Patriarchenkloster in der Stadt Pec. Darüber hinaus existiert eine kleine römisch-katholische Gemeinde, deren Mitglieder zumeist Kosovo-Albaner sind.

Historische Verortung des Kosovo

Nach der Schlacht auf dem Amselfeld im Jahr 1389, bei der Serben gegen Osmanen kämpften, wurde der Kosovo eine Provinz des muslimischen Osmanischen Reiches. Die osmanischen Sultane islamisierten den Kosovo und hinterließen bedeutende architektonische Hinterlassenschaften.

In Folge des Ersten Balkankrieges annektierte das Königreich Serbien im Jahr 1912 den Kosovo.  Auf diese Weise geriet die albanische Bevölkerung nun unter die Dominanz einer slawisch-orthodoxen Nation.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt der Kosovo vom kommunistischen jugoslawischen Staatschef Tito den Status einer autonomen Region, der 1974 im Zuge einer Verfassungsänderung noch einmal ausgebaut wurde.

Mit dem Tode Titos im Jahr 1980 nahmen die ethnischen Spannungen zwischen den Albanern wieder zu. Der Generalsekretär der kommunistischen Partei Serbiens, Slobodan Milosevic, übernahm immer mehr serbisch-nationalistische Positionen und hob schließlich 1989 den Autonomiestatus des Kosovo auf. Als Auslöser hierfür gilt die sogenannte Amselfeld-Rede Milosevics, in der dieser auf die besondere politische Bedeutung des Kosovo für die serbische Nation hinwies. Milosevic setzt in Folge dessen auf eine extreme Serbisierung, die die Kosovo-Albaner in ihren politischen und gesellschaftlichen Teilhaberechten massiv einschränkte.

Als Reaktion hierauf beschlossen die Albaner, zunächst passiven Widerstand zu leisten. Die politischen Vertreter der Albaner schufen staatliche Parallelstrukturen, die zum Beispiel die Bereiche Verwaltung und Bildung umfassten. Zeitgleich wurden immer mehr Rufe laut, die sich für eine Unabhängigkeit des Kosovo aussprachen.

Die Politik der Unterdrückung des Milosevic-Regimes führte zum Erstarken militanter Bewegungen auf kosovo-albanischer Seite. So gründete sich Mitte der 1990er Jahre die UCK, eine Organisation, die sich für einen bewaffneten Kampf zur Loslösung des Kosovo von Serbien einsetzte. Die UCK begann ab 1997 mit militärischen Aktionen gegen den serbischen Zentralstaat.

Die Antwort der Milosevic-Administration ließ nicht lange auf sich warten. Serbische Militär- und Polizeieinheiten begannen im Jahr 1998 damit, ethnische Säuberungen gegen die albanische Bevölkerung durchzuführen. Diese verbrecherische Politik stieß zunehmend auf den Widerstand der westlichen Staatengemeinschaft. Zur Verhinderung der ethnischen Säuberungen startete die NATO im März 1999 die Operation Allied Force, die im Wesentlichen aus Luftangriffen gegen Serbien bzw. die Bundesrepublik Jugoslawien bestand. Milosevic gab letztendlich nach und ließ die serbischen Truppenverbände aus dem Kosovo abziehen. Zur Befriedung des Landes installierte die Nato nach der Beendigung des Kosovo-Krieges die Friedenstruppe Kosovo Force (KFOR), die bis heute tätig ist. Von Seiten der serbischen Bevölkerungsgruppe wird der KFOR laut Elvedin vorgeworfen, sich nicht genügend für ihre Belange einzusetzen.

Nach einer mehrjährigen UN-Übergangsverwaltung rief der ehemalige UCK-Kämpfer Hashim Thaci 2008 die Unabhängigkeit des Kosovo aus. Bis heute erkennen einige EU-Mitgliedstaaten die Republik Kosovo nicht an, da sie entweder Angst vor Separationsbestrebungen eigener ethnischer Minderheiten haben oder aber wie im Falle Griechenlands intensive Beziehungen zu Serbien unterhalten.

Herausforderungen und Perspektiven

Als junger Staat steht der Kosovo vor einer Reihe schwerwiegender Probleme. So existiert ein gravierendes Armutsproblem. Viele Kosovaren sehen sich gezwungen, ihr Land auf Grund der schlechten beruflichen Perspektiven zu verlassen. Des Weiteren ist eine starke organisierte Kriminalität vorhanden, die die staatlichen Institutionen unterminiert und potenzielle Investoren abschreckt. Hinzu kommen eine marode Infrastruktur und ein Mangel an ausgebildeten Fachkräften.

Der Kosovo verfügt aber auch über Wirtschaftsbranchen, von denen er in Zukunft profitieren könnte. Hierzu gehören etwa die Landwirtschaft und der einfache Maschinenbau. Große Potenziale sind ebenfalls im Bereich Bergbau vorhanden. Innerhalb des Landes lassen sich nämlich viele am Weltmarkt begehrte Rohstoffe finden.

Von einer Europaskepsis ist im Kosovo nach Elvedin nichts zu spüren. Viele Kosovaren würden den Beitritt ihres Landes zur EU immer noch als ein sehr wichtiges politisches Ziel betrachten.

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Text von: Jan Meiser
Foto/Bild von: Jan Hildebrand
Veröffentlicht am: 06.07.2016